Meister Eckharts Mystische Schriften: In Unsere Sprache Übertragen von Gustav Landauer. 261. Von den Stufen der Seele.
Open in the readerWer zu seiner hochsten Stufe und zur Anschauung des obersten Gutes, das Gott selbst ist, gelangen will, der soll ein Kennen seiner selbst und der Dinge, die uber ihm sind, haben, bis zum hochsten, so kommt er zur hochsten reinen Erkenntnis. Darum, lieber Mensch, lerne dich selbst erkennen, denn das ist dir besser als wenn du die Kraft aller Kreaturen erkenntest. Wie du dich selbst erkennen sollst, dafur merke zweierlei Weise.
Zum ersten sollst du darauf achten, ob deine ausseren Sinne an ihrer Stelle wohlgeordnet sind. Seht, nun merkt, wie es um unsre aussern Sinne steht. Die Augen sind allzeit ebenso bereit das Bose zu sehen wie das Gute. Ebenso ist das Gute auch von den Ohren zu horen, und ebenso konnen auch die andern Sinne wahrnehmen. Daher sollt ihr euch eifrig und mit grossem Ernst zu guten Dingen zwingen. So viel von aussern Sinnen.
Nun vernehmet von den innern Sinnen, das sind die Krafte einer hoheren Stufe, die in der Seele sind, die niedersten und die obersten. Nun erfahret von den niedersten Kraften. Die sind Mittel der obersten Krafte und der ausseren Sinne. Darum sind sie den aussern Sinnen so nahe gelegen: was das Auge sieht und das Ohr hort, das bringen sie sofort in das Begehren. Ist es dann eine geordnete Sache, so bringt das Begehren es sofort in eine zweite Kraft, die heisst Anschauung. Die schaut es an und bringt es wiederum weiter zur dritten, die heisst Vernunftigkeit. So wird es immer reiner, bevor es in die obersten Krafte kommt. Die Kraft der Seele steht auf so hoher Stufe, dass sie es ohne Gleichnis und ohne Bild wahrnimmt und es in die obersten Krafte hinauftragt Da wird es im Gedachtnis aufbewahrt und im Verstande verstanden und im Willen erfullt. Das sind die obersten Krafte der Seele, und sie sind in einer Natur. Und alles was die Seele wirkt, das wirkt auch die einfache Natur in den Kraften.
Nun merkt auf, wie die Seele zu ihrer obersten Stufe und ihrer grossten Vollendung kommt. Es sagt ein Meister: Gott wird in die Seele getragen und versetzt. So entspringt ein gottlicher Liebesquell in der Seele, der tragt die Seele zu Gott zuruck. Seht, ihr sollt erfahren, wie das sei. Es sagt ein Heiliger: Alles was man von Gott sprechen kann, das ist Gott nicht. Und es spricht ein anderer Heiliger: Alles was man von Gott sprechen kann, das ist Gott. Und endlich spricht ein grosser Meister, dass sie beide die Wahrheit sagen. Wie diese drei Heiligen sprechen, so spreche ich das Folgende: Wenn die Seele mit ihrem Verstande etwas vom gottlichen Verstande versteht, so wird es dann sofort dem Willen ubergeben. So nimmt es der Wille in sich und wird eins damit und alsdann erst bringt und versetzt er es in das Gedachtnis. Auf diese Weise wird Gott in die Seele getragen und versetzt. Furwahr, nun vernehmet von dem gottlichen Liebesquell. Er fliesst in der Seele uber, so dass sich die obersten Krafte in die niedersten ergiessen, und diese ergiessen sich in den aussern Menschen und erheben ihn aus aller Niedrigkeit, so dass er nichts wirken mag als geistige Dinge. Wie der Geist wirkt gemass gottlichen Werken, so muss der aussere Mensch gemass dem Geiste wirken.
O Wunder uber Wunder, wenn ich an die Vereinigung denke, die die Seele mit Gott hat! Er macht die Seele wonnefreudig, aus sich selbst zu fliessen, denn alle genannten Dinge genugen ihr nicht. Und da sie selbst eine genannte Natur ist, darum genugt sie sich selbst nicht. Der gottliche Liebesquell fliesst auf die Seele und zieht sie aus sich selbst in das ungenannte Wesen in ihren ersten Ursprung, der Gott allein ist. Obwohl ihm die Kreatur Namen gegeben hat, so ist er doch an sich selbst ein ungenanntes Wesen. So kommt die Seele in ihre hochste Vollendung.
Furwahr, Herzensfreunde, nun horet weiter von den Stufen der Seele. Es sagt Sankt Augustin: gerade wie es um Gott ist, so ist es auch um die Seele. Seht, wie sie gebildet ist nach dem Bilde der heiligen Dreifaltigkeit, das erfahret bei der Auslegung Gottes.
Gott ist dreifach von Personen und ist einfach von Natur. Gott ist auch an allen Orten und an jedem ist Gott zugleich. Das heisst so viel, als ob alle Orte ein Ort Gottes waren. So steht es auch um die Seele. Gott hat Vorsehung aller Dinge und bildet alle Dinge in seiner Vorsehung. Das alles ist Gott naturlich. So steht es auch um die Seele. Sie ist auch dreifach an Kraften und einfach von Natur. Die Seele ist auch in allen Gliedmassen und in jedem Glied ist sie zugleich. Daher sind alle Glieder ein Ort der Seele. Sie hat auch Vorsehung und bildet die Dinge, die ihr moglich sind. Von allem, was man von Gott sprechen kann, hat die Seele etwas Gleichnis.
Nun will ich sprechen von einer reinen Gotteserkenntnis. Ich habe euch im Auge, Bruder und Schwester, weil ihr Gottes allerbeste Freunde seid und ihm allertrautest von allen, die hier zuhoren. Das Fliessen ist in der Gottheit eine Einheit der drei Personen ohne Unterscheidung. In demselben Fluss fliesst der Vater in den Sohn, und der Sohn fliesst zuruck in den Vater und sie beide fliessen in den heiligen Geist, und der heilige Geist fliesst zuruck in sie beide. Darum spricht der Vater seinen Sohn und spricht sich in seinem Sohne allen Kreaturen, alles in diesem Fliessen. Wo sich der Vater wieder in sich zuruckwendet, da spricht er sich selbst in sich selbst. Auf diese Weise ist der Fluss in sich selbst zuruckgeflossen, wie Sankt Dionysius sagt. Darum ist dieser Fluss in der Gottheit ein Sprechen ohne Wort und ohne Laut, ein Horen ohne Ohren, ein Sehen ohne Augen. Darum spricht sich jede Person in der andern ohne Wort in dem Flusse. Darum ist es ein Fluss ohne Fliessen. Hiervon vernehmet ein Gleichnis von der edeln Seele, die hat etwas in sich, was diesem Fluss besonders gleich ist: wo die obersten Krafte und die Natur eine Eigenschaft tragen, da fliesst jede in die andere und spricht sich ohne Wort und ohne Laut. Selig sei die Seele, die da zur Anschauung des ewigen Lichtes kommt.
Nun konnte man sprechen: ,,Das ist alles schon und wohl gesprochen. Herzensfreund, wie geschieht das nun, dass ich zu der Stufe gelange, von der du geschrieben hast? Seht, ihr musst wissen: Gott ist was er ist, und was er ist, ist mein, und was mein ist, das liebe ich, und was ich liebe, das liebt mich und zieht mich an sich, und was mich angezogen hat, dem gehore ich mehr als mir selbst. Seht, darum liebet Gott, dann werdet ihr Gott mit Gott. Davon will ich nichts weiter sagen.
Die auf sich selbst verzichtet haben, und Gott in der rechten Entblosstheit nachfolgen, wie konnte das Gott lassen, er muss ja seine Gnade in die Seele giessen, die sich so in der Liebe vernichtet hat. Er giesst seine Gnade in sie und erfullt sie und gibt sich ihr selbst in Gnaden hin.
Da schmuckt Gott die Seele mit sich selbst, gerade wie das Gold mit edlem Gestein geschmuckt wird. Dann bringt er die Seele in die Anschauung seiner Gottheit. Das geschieht in der Ewigkeit und nicht in der Zeit. Doch hat sie einen Vorgeschmack in der Zeit, dadurch dass hier von diesem heiligen Leben gesprochen worden ist. Das ist darum geschehen, damit ihr das wisst, dass niemand zur hochsten Stufe der Erkenntnis und des Lebens gelangen kann, ohne freiwilliger Armut nachzugehn und den Armen gleich zu sein. Das ist fur alle Leute das Allerbeste. Nun loben wir Gott um seiner ewigen Gute willen, und bitten ihn, er moge uns schliesslich bei sich aufnehmen. Dazu verhelfe uns der Vater und der Sohn und der heilige Geist. Amen.