Meister Eckharts Mystische Schriften: In Unsere Sprache Übertragen von Gustav Landauer. 2523. Vom persönlichen Wesen.
Open in the readerGott ist die Liebe, und wer in der Liebe wohnt, der wohnt in Gott und Gott in ihm. Gott wohnt in der Seele mit allem dem, was er ist, und alle Kreatur. Darum: wo die Seele ist, da ist ,Gott, denn die Seele ist in Gott. Darum ist auch die Seele, wo Gott ist, es sei denn, dass die Schrift luge. Wo meine Seele ist, da ist Gott, und wo Gott ist, da ist auch meine Seele, und das ist so wahr als Gott Gott ist.
Nicht allein von Natur, sondern uber Natur freut sich meine Seele aller Freude und aller Seligkeit, deren sich Gott selber freut in seiner gottlichen Natur, es sei Gott lieb oder leid, denn deren ist nur eines, und wo eins ist, da ist alles, und wo alles ist, da ist eins. Das ist eine sichere Wahrheit. Wo die Seele ist, da ist Gott,, und wo Gott ist, da ist die Seele. Und sagte ich, dass es nicht so sei, so sprache ich unrecht.
Furwahr, nun achtet auf ein Wortlein, das halte ich gar wert, denn ich gedenke dessen, wie eins er mir ist, als ob er aller Kreatur vergessen habe und nicht mehr sei als ich allein. Nun bittet fur die, die mir empfohlen sind! Die da um ein Teil Gottes oder um Gott bitten, die bitten unrecht; wenn ich um nichts bitte, so bitte ich recht, und das Gebet ist recht und ist kraftig. Wer irgend etwas anderes bittet, der betet einen Abgott an, und man konnte sagen, es ware lauter Ketzerei. Ich bitte nie so wohl als wenn ich um nichts bitte und fur niemand, weder fur Heinrich noch fur Konrad. Die wahren Anbeter beten Gott in der Wahrheit an und im Geist [namlich im heiligen Geist]; was Gott in der Kraft ist, das sind wir im Bilde. Da erkennen wir wie wir erkannt sind, und lieben wie wir geliebt sind. Das ist auch ohne Werk, denn die Seele ist da eins mit dem Bilde und wirkt in der Kraft als Kraft; sie ist auch eins mit den Personen und besteht im Vermogen des Vaters und in der Weisheit des Sohnes und in der Gute des heiligen Geistes. Dies ist alles noch Werk in den Personen; das Wesen daruber aber ist ohne Werk, sondern da ist alles eins, Wesen und Werk, wo sie in Gott ist, ja wo die Personen in das Wesen hineinreichen, da ist Werk und Wesen eins, da liebt sie die Personen, sofern sie im Wesen innen bleiben und nie herauskommen, da ist ein reines wesenhaftes Bild, es ist die wesenhafte Vernunftigkeit Gottes, der die reine Kraft des Lebendigen ist, intellectus, was die Meister ein Vernehmendes nennen. Nun passt wohl auf. Darum liebt sie erst das reine absolucio des freien Wesens, das ohne Ort ist, das nicht liebt und nicht gibt, es ist die blosse Istigkeit, die alles Wesens und aller Istigkeit beraubt ist. Da liebt sie Gott bloss nach dem Grunde, da wo er ist, uber alle Wesen. Ware da noch Wesen, so nahme sie Wesen in Wesen; es ist da nichts als ein Grund. Dies ist die hochste Vollkommenheit des Geistes, wozu man in diesem Leben in der Art des Geistes kommen kann. Aber das ist nicht die hochste Vollkommenheit, die wir jemals mit Leib und Seele erreichen sollen, dass der gequalte Mensch allzumal in dieser Unterkunft festgehalten werde, ein personliches Wesen habe -- sowie die Menschheit und die Gottheit Christi ein personliches Wesen ist -- dass ich nun darin Unterkunft habe, dass ich das personliche Wesen selber sei allzumal in meinem Selbstbewusstsein verharrend -- wo ich doch in der Art des Geistes, in dem Grunde, eins bin, so wie der Grund selbst ein Grund ist -- und dass ich hinwiederum in meinem ausseren Wesen dasselbe personliche Wesen sei, das seines Selbstbewusstseins vollig beraubt sei: dieses personliche Wesen, Mensch-Gott, entwachst vielmehr und schwebt uber den ausseren Menschen hinaus, so weit, dass er ihm nicht mehr folgen kann. Bleibt er in sich selbst stehen, so empfangt er wohl den Einfluss der Gnade von dem personlichen Wesen in mancherlei Weise, Sussigkeit, Trost und Innigkeit, und das ist gut, aber es ist nicht das Hochste. Bleibt er also in sich selbst in der Unterkunft seiner selbst, so empfangt er wohl Trost aus Gnade und mit der Wirkung der Gnade, aber das ist nicht sein Bestes; dann musste der innere Mensch sich nach Geistesart aus dem Grunde, in dem er eins ist, herausbiegen und musste sich dem gnadenhaften Wesen zuwenden, von dem er Gnade empfangt. Darum kann der Geist so niemals vollkommen werden, Leib und Seele werden vollendet, wenn der innere Mensch in der Art des Geistes seinem eigenen Wesen entrinnt, dahin, wo er im Grunde ein Grund ist; und ebenso muss auch der aussere Mensch der eigenen Unterkunft beraubt werden und allzumal in dem ewigen personlichen Wesen aufgehen, das ein und dasselbe personliche Wesen ist. Nun sind hier zwei Wesen. Das eine Wesen ist in der Gottheit das blosse substanzliche Wesen; das andere das personliche Wesen, und ist doch ein Untergrund: denn derselbe Untergund, Christi Personlichkeit, ist auch der Untergrund der Seele, die Statte des ewigen Menschtums, und diese Unterkunft ist ein Christus, das leiblich Seiende wie das Selbstbewusstsein der Person. Daher wollen wir auch eben dieser Christus sein, damit wir ihm in den Werken nachfolgen, wie er in dem Wesen ein Christus in menschlicher Art ist; denn da ich mit meinem Menschtum dieselbe Art bin, so bin ich mit dem personlichen Wesen dergestalt vereinigt, dass ich aus Gnade in dem personlichen Wesen eins und das personliche Wesen selber bin, denn Gott bleibt ewiglich im Grunde des Vaters und ich in ihm, ein Grund und ein und derselbe Christus, eine Statte meines Menschtums; es ist ebensosehr mein wie sein in einer Verkorperung des ewigen Wortes, auf dass beide Wesen, Leib und Seele, in einem Christus vollendet werden, ein Gott, ein Sohn. Dass uns das geschehe, das walte Gott.