Meister Eckharts Mystische Schriften: In Unsere Sprache Übertragen von Gustav Landauer. 1210. Von guten Gaben.
Open in the readerIch pflege oft ein Wortlein zu sprechen und es ist auch wahr: Wir rufen alle Tage und schreien im Paternoster: Herr, dein Wille geschehe! Wenn aber dann sein Wille geschieht, so wollen wir zurnen und ergeben uns nicht in seinem Willen. Was er auch tut, dass musste uns das Beste dunken und am allerbesten gefallen. Die es so zum besten nehmen, die bleiben allewege in ganzem Frieden. Ihr aber sprecht manchmal: Ach, ware es anders gekommen, so ware es besser, oder ware es nicht so gekommen, so ware es vielleicht besser gekommen. Solange dich das dunkt, gewinnst du nimmer Frieden. Du sollst es zum allerbesten nehmen.
Ich sprach einst: Was eigentlich gewortet werden kann, das muss von innen herauskommen und von seiner Form ausgehen und darf nicht von aussen hineingehen. Das lebt eigentlich im Innigsten der Seele. Da sind dir alle Dinge gegenwartig und innerlich lebend und suchend und sind im Besten und im Hochsten. Warum empfindest du das nicht? Da bist du nicht heimisch. Je hoher im Rang ein Ding ist, um so allgemeiner ist es. Den Sinn habe ich gemein mit den Tieren und das Leben mit den Baumen. Das Sein ist mir noch tiefer innen, das habe ich gemein mit allen Kreaturen. Der Himmel ist mehr als alles, was daneben ist, darum ist er auch hoher im Range. Die Liebe steht hoch im Rang, weil sie allgemein ist. Es scheint schwer, dass unser Herr geboten hat, man solle den Mit christen lieben wie sich selbst. Dies fasst der gemeine Mann gewohnlich so auf, man solle sie in demselben Sinne lieben, in dem man sich selber liebt. Nein, so soll es nicht sein. Man soll sie ebensosehr lieben wie sich selbst, und das ist nicht schwer. Wollt ihr's gut merken, so ist es mehr Lohnes wert als ein Gebot. Das Gebot scheint schwer, und der Lohn ist begehrenswert. Wer Gott liebt, wie er ihn lieben soll und muss (ob er will oder nicht), und wie ihn alle Kreaturen lieben, der muss seinen Mitmenschen lieben wie sich selbst und sich seiner Freuden und Ehren freuen und danach trachten wie nach seiner eigenen Ehre, und nach dem Fremden wie nach dem Seinen. Und so ist der Mensch allezeit in Freuden, in Ehren und in Nutzen, so ist er ganz wie im Himmelreich und so hat er starkere Freuden, als wenn er sich allein seines Gutes freute.
Und wisse in Wahrheit, ist dir mehr an deiner eigenen Ehre als an der eines andern gelegen, so ist es unrecht. Wisse, wenn du das deine suchst, da findest du Gott nimmer, wenn du nicht rein Gott suchst. Du suchst etwas mit Gott, und tust gerade so wie wenn einer aus Gott eine Kerze machte, mit der man etwas sucht, und wenn man das Ding findet, so wirft man die Kerze weg. So tust du: was du mit Gott suchst, das ist nichts, Nutzen, Lohn, Innerlichkeit oder was es auch sei; du suchst nichts, darum findest du auch nichts. Alle Kreaturen sind lauter Nichts. Ich sage nicht, dass sie gering sind oder wenig sind: sie sind gar nichts. Wer kein Sein hat, ist nichts. Alle Kreaturen haben kein Sein, denn ihr Sein hangt an der Gegenwart Gottes. Kehrte sich Gott einen Augenblick ab, sie wurden zunichte. Ich sprach manchmal und so ist es auch: Wer die ganze Welt nahme und Gott dazu, der hatte nicht mehr als wenn er Gott allein hatte. Alle Kreaturen haben nicht mehr ohne Gott, als wer eine Mucke hatte ohne Gott, ganz ebenso, nicht weniger und nicht mehr.
Furwahr, nun achtet auf ein wahres Wort. Gabe ein Mensch tausend Pfund Goldes, auf dass man damit Kirchen und Kloster baute, so ware das ein grosses Ding. Aber doch hatte der viel mehr gegeben, der tausend Pfund fur nichts achten konnte: der hatte viel mehr getan als jener. Als Gott alle Kreaturen schuf, da waren sie so erbarmlich und so eng, dass er sich nicht darin bewegen konnte. Jedoch die Seele machte er so sich gleich und so eben das Namliche, damit er sich der Seele hingeben konnte: denn was er ihr sonst geben konnte, das achtet sie nicht. Gott muss mir sich selbst zu eigen geben, so wie er sich selbst gehort, oder es wird mir nichts und es schmeckt mir nichts. Wer ihn so ganz empfangen will, der muss sich selbst ganz ergeben haben und aus sich selbst herausgegangen sein.
Ich ward einst gefragt, was der Vater im Himmel tate? Da sprach ich: Er gebiert seinen Sohn, und dies Werk ist ihm so reizend und gefallt ihm so gut, dass er nichts anderes mehr tut, und aus ihnen beiden erbluht der heilige Geist. Wenn der Vater seinen Sohn in mir gebiert, so bin ich dieser Sohn und kein anderer; unter Menschen gibt es da einen und dort einen, aber da bin ich derselbe und kein anderer.
Gottes Natur ist, dass er gibt, und sein Wesen hangt daran, dass er uns gibt, wenn wir demutig sind. Sind wir das nicht, so empfangen wir auch nichts und tun ihm Gewalt an und toten ihn. Wenn die Seele der Zeit und des Raumes ledig ist, so sendet der Vater seinen Sohn in die Seele. Es spricht ein Wortlein: ,,Die beste Gabe kommt von oben herab, vom Vater der Lichter." Dass wir bereitet seien, die beste Gabe zu empfangen, dazu verhelfe uns Gott, der Vater der Lichter. Amen.