Meister Eckharts Mystische Schriften: In Unsere Sprache Übertragen von Gustav Landauer. 119. Ein Zweites vom namenlosen Gott.
Open in the readerWenn die Seele in die namenlose Stadt kommt, da ruht sie aus; wo alle Dinge Gott in Gott sind, da ruhet sie. Die Stadt der Seele, die Gott ist, die ist ungenannt. Ich sage, dass Gott ungesprochen ist. Einen unserer altesten Meister, der die Wahrheit schon lange und lange vor Gottes Geburt gefunden hat, ehe der Christenglaube vorhanden war, wie er jetzt ist, den dunkte es, dass alles, was er von den Dingen sprechen konnte, etwas Fremdes und Unwahres in sich truge; darum wollte er schweigen. Er wollte nicht sagen: Gebt mir Brot, oder gebt mir zu trinken. Aus dem Grunde wollte er nicht von den Dingen sprechen, weil er von ihnen nicht so rein sprechen konnte, wie sie aus der ersten Ursache entsprungen seien: darum wollte er lieber schweigen, und seine Notdurft zeigte er mit Zeichen der Finger. Da nun er nicht einmal von den Dingen reden konnte, so schickt es sich fur uns noch mehr, dass wir ganz und gar schweigen mussen von dem, der da ein Ursprung aller Dinge ist.
Nun sagen wir, Gott sei ein Geist. Dem ist nicht so. Ware Gott eigentlich ein Geist, so ware er gesprochen. Sankt Gregorius spricht: Wir konnen von Gott nicht eigentlich sprechen. Was wir von ihm sprechen, das mussen wir stammeln.