Meister Eckharts Mystische Schriften: In Unsere Sprache Übertragen von Gustav Landauer. 2119. Von der Natur.
Open in the readerEs sagen unsere Meister, alles was erkannt wird oder geboren wird, ist ein Bild, und sie sagen folgendes: Wenn der Vater seinen eingeborenen Sohn gebaren soll, so muss er sein in ihm selbst bleibendes Bild gebaren, das Bild in dem Grunde, so wie es von Ewigkeit in ihm gewesen ist, formae illius, das heisst seine ihm selbst bleibende Form. Dies ist eine Naturlehre, und es dunkt mich recht unbillig, dass man Gott mit Gleichnissen, mit diesem oder jenem, aufzeigen muss. Dennoch ist er weder dies noch jenes, und damit begnugt sich der Vater nicht, sondern er zieht sich zuruck in die Erstheit, in das Innerste, in den Grund und in den Kern der Vaterschaft, wo er ewig drinnen gewesen ist, in sich selbst in der Vaterschaft und wo er sich selbst verzehrt als Vater seiner selbst in dem einig Einen. Hier sind alle Grasblattlein und Holz und Stein und alle Dinge eins. Dies ist das Allerbeste und ich habe mich ganz darein vernarrt. Darum fugt die Natur alles was sie leisten kann da hinein, das sturzt alles in die Vaterschaft, auf dass sie eins und ein Sohn sei und all dem andern entwachsen und allein in der Vaterschaft sei, und dass sie, wenn sie nicht darein sein konne, doch wenigstens ein Gleichnis des Einen sei. Die Natur, die von Gott ist, sucht nichts, was ausserhalb von ihr ist, ja, die Natur, wie sie in sich ist, hat nichts mit der Farbe zu tun, denn die Natur, die von Gott ist, die sucht nichts anderes als Gottes Gleiches.
Ich uberlegte mir heute Nacht, dass nur Gleiches aufeinander wirken kann. Ich kann kein Ding sehen, das mir nicht gleich ist, und ich kann kein Ding erkennen, das mir nicht gleich ist. Gott tragt alle Dinge verborgen in sich selbst, aber nicht in dies oder das unterschieden, sondern eins in Einheit. Das Auge hat auch Farbe in sich, das Auge empfangt die Farbe, und das Ohr nicht. Das Ohr empfangt das Geton und die Zunge den Geschmack. Es hat jedes das, mit dem es eins ist. Demnach hat das Bild der Seele und Gottes Bild ein Wesen: da wir Gottes Kinder sind. Und selbst wenn ich weder Augen noch Ohren hatte, so hatte ich doch noch das Wesen.
Ich habe ofters gesagt: die Schale muss zerbrechen, und was darinnen ist, muss herauskommen: denn willst du den Kern haben, so musst du die Schale zerbrechen. Und wenn du daher die Natur nackt finden willst, so mussen die Gleichnisse alle zerbrechen, und je weiter man hineintritt, um so naher ist man dem Wesen.
Vor ein paar Jahren war ich nichts; nicht lange nachher ass mein Vater und meine Mutter Fleisch und Brot und Kraut, das im Garten wuchs, und davon bin ich ein Mensch. Das konnte mein Vater oder meine Mutter nicht bewirken, sondern Gott machte meinen Korper unmittelbar und schuf meine Seele nach dem Allerhochsten. Demnach besass ich mein Leben selbst (possedi me). Dies Korn zielt auf den Roggen ab, dem wieder liegt es in der Natur, dass er Weizen werden kann, darum ruht er nicht, bis er eben diese Natur erreicht. Dies Weizenkorn hat es in der Natur, dass es alle Dinge werden kann, darum geht es in sich und begibt sich in den Tod, auf dass es alle Dinge werde. Und dies Erz ist Kupfer, das hat in seiner Natur, dass es Gold werden kann, darum ruht es nicht, bis es eben diese Natur erreicht. Ja dies Holz hat in seiner Natur, dass es ein Stein werden kann; ich sage noch mehr, es kann wohl alle Dinge werden, es lost sich in ein Feuer und lasst sich verbrennen, damit es in die Feuernatur verwandelt werde, und es wird eins dem Einen und hat ewig dieselbe Natur. Ja, Holz und Stein und Bein und alle Grashalme haben allesamt ein Wesen in der Erstheit. Und tut diese Natur das, was tut dann erst die Natur, die da so nackt in sich selbst ist, die da weder dies noch das sucht, sondern sie entwachst allem Anderssein und lauft alleins zur reinen Erstheit.