Meister Eckharts Mystische Schriften: In Unsere Sprache Übertragen von Gustav Landauer. 1715. Von der Erkenntnis Gottes.
Open in the readerUnser lieber Herr spricht, dass das Reich Gottes nahe bei uns ist. Ja, das Reich Gottes ist in uns, und Sankt Paulus spricht, dass unser Heil naher bei uns ist, als wir glauben. Nun sollt ihr wissen, wie das Reich Gottes uns nahe ist. Hiervon mussen wir den Sinn recht achtsam merken. Denn ware ich ein Konig und wusste es selbst nicht, so ware ich kein Konig. Aber hatte ich die feste Ueberzeugung, dass ich ein Konig ware, und meinten und glaubten das alle Menschen mit mir, so ware ich ein Konig und aller Reichtum des Konigs ware mein. So ist auch unsere Seligkeit daran gelegen, dass man das hochste Gut, das Gott selbst ist, erkennt und weiss. Ich habe eine Kraft in meiner Seele, die Gottes allzumal empfanglich ist. Ich bin dessen so gewiss, wie ich lebe, dass mir kein Ding so nahe ist wie Gott. Gott ist mir naher als ich mir selber bin, mein Wesen hangt daran, dass Gott mir nahe und gegenwartig ist. Das ist er ebenso einem Stein und einem Holze, aber sie wissen es nicht. Wusste das Holz Gott und erkennte es, wie nahe er ihm ist, wie es der hochste Engel erkennt, das Holz ware so selig wie der hochste Engel. Und darum ist der Mensch seliger als ein Holz, weil er Gott erkennt und weiss, wie nahe ihm Gott ist. Night davon ist er selig, dass Gott in ihm ist und ihm so nahe ist und dass er Gott hat, sondern davon, dass er Gott erkennt, wie nahe er ihm ist, und dass er Gott wissend und liebend ist, und der soll erkennen, dass Gottes Reich nahe ist.
Wenn ich an Gottes Reich denke, dann befallt mich tiefes Schweigen, seiner Grosse wegen; denn Gottes Reich ist Gott selbst mit all seinem Reichtum. Gottes Reich ist kein kleines Ding: wer an alle Welten dachte, die Gott machen konnte, das ist nicht Gottes Reich, Der Seele, in der Gottes Reich erglanzt und die Gottes Reich erkennt, braucht man nicht predigen oder lehren, sie wird vom ihm belehrt und des ewigen Lebens getrostet. Wer weiss und erkennt, wie nahe ihm Gottes Reich ist, der kann mit Jakob sprechen: ,,Gott ist an diesem Ort und ich wusste es nicht."
Gott ist in allen Kreaturen gleich nahe. Der Weise spricht: ,,Gott hat seine Netze und Stricke auf alle Kreaturen ausgeworfen, so dass man ihn in einer jeden finden und erkennen kann, wenn man es wahrnehmen will." Ein Meister spricht: Der erkennt Gott recht, der ihn in gleicher Weise in allen Dingen erkennt; und wenn einer Gott in Furcht dient, ist es gut; wenn er ihm aus Liebe dient, ist es besser; aber wer ihn in Furchten lieben kann, das ist das allerbeste. bass ein Mensch ein Leben der Ruhe oder Rast in Gott hat, das ist gut; dass der Mensch ein Leben der Pein mit Geduld tragt, ist besser; aber dass man in dem peinvollen Leben seine Rast habe, das ist das allerbeste. Ein Mensch gehe auf dem Felde [und spreche sein Gebet] und erkenne Gott, oder er sei in der Kirche und erkenne Gott: wenn er Gott darum, weil er an einem Ruheplatz ist, eher erkennt, so kommt das von seiner Schwache, nicht von Gott, denn Gott ist in allen Dingen und an allen Orten gleich und ist bereit, soweit es an ihm ist, sich uberall in gleicher Weise zu geben, und der erkennte Gott richtig, der ihn uberall in gleicher Weise erkennte.
Wie der Himmel an allen Orten gleich fern von der Erde ist, so soll auch die Seele gleich fern sein von allen irdischen Dingen, und dem einen nicht naher sein als dem andern, und sie soll sich gleichmutig halten in Liebe, in Leid, im Haben, im Entbehren, in alledem soll sie zumal gestorben, gelassen und daruber erhoben sein. Der Himmel ist rein und klar ohne alle Flecke, den Himmel beruhrt weder Zeit noch Raum. Alle korperlichen Dinge haben keinen Raum darin. Er ist auch nicht in der Zeit, sein Umlauf ist unglaublich schnell, sein Lauf ist ohne Zeit, aber von seinem Lauf kommt die Zeit. Nichts hindert die Seele so sehr an der Erkenntnis Gottes als Zeit und Raum. Zeit und Raum sind Stucke und Gott ist eins. Soll darum die Seele Gott erkennen, so muss sie ihn uber der Zeit und uber dem Raum erkennen; denn Gott ist weder dies noch das, wie diese Dinge der Mannigfaltigkeit; denn Gott ist eins.
Soll die Seele Gott erkennen, so darf sie mit dem Nichts keine Gemeinschaft haben. Wer Gott sieht, der erkennt, dass alle Kreaturen nichts sind. Wenn man eine Kreatur mit der andern vergleicht, so scheint sie schon und ist etwas; aber wenn man sie mit Gott vergleichen will, so ist sie nichts.
Ich sage mehr: soll die Seele Gott erkennen, so muss sie auch ihrer selbst vergessen und muss sich selbst verlieren; denn solange sie sich selbst sieht und erkennt, sieht und erkennt sie Gott nicht. Wenn sie sich um Gottes willen verliert und alle Dinge verlasst, so findet sie sich in Gott wieder, weil sie Gott erkennt, und dann erkennt sie sich selbst und alle Dinge (von denen sie sich geschieden hat) in Gott in Vollkommenheit. Will ich das hochste Gut und die ewige Gute erkennen, wahrlich, so muss ich sie erkennen, wie sie gut an sich selbst ist, nicht wie die Gute geteilt ist. Will ich das wahre Wesen erkennen, so muss ich es erkennen, -- wie das Sein an sich selbst ist, das heisst in Gott, nicht wie es in Kreaturen geteilt ist.
In Gott allein ist das ganze gottliche Wesen. In einem Menschen ist nicht ganzes Menschtum, denn ein Mensch ist nicht alle Menschen. Aber in Gott erkennt die Seele ganzes Menschtum und alle Dinge im Hochsten, denn sie erkennt sie in ihrem Wesen. Ein Mensch, der in einem schon gemalten Hause wohnt, weiss viel mehr davon als ein anderer, der nie hineinkam und viel davon sagen wollte. Daher ist es mir so gewiss als ich lebe und Gott lebt: wenn die Seele Gott erkennen will, muss sie ihn uber Zeit und Raum erkennen. Und eine solche Seele erkennt Gott und weiss, wie nahe Gottes Reich ist, das heisst Gott mit all seinem Reichtum. Die Meister haben viel Fragens in der Schule, wie das moglich sei, dass die Seele Gott erkennen konne? Es liegt nicht an Gottes Strenge, dass er viel von den Menschen heischt; es liegt an seiner grossen Milde, dass er will, dass die Seele sich weiter mache, auf dass sie viel empfangen und er ihr viel geben konne.
Niemand soll denken, es sei schwer hierzu zu kommen, wiewohl es schwer klingt und auch wirklich im Anfang schwer ist, im Abscheiden und Sterben aller Dinge. Aber wenn man hineinkommt, so ist kein Leben leichter und frohlicher und lieblicher; denn Gott gibt sich gar grosse Muhe, allezeit bei dem Menschen zu sein, und lehrt ihn, damit er ihn zu sich bringt, wenn er anders ihm folgen will. Es begehrte nie ein Mensch so sehr nach einer Sache, als Gott begehrt, den Menschen dazu zu bringen, ihn zu erkennen. Gott ist allzeit bereit, aber wir sind sehr unbereit; Gott ist uns nahe, aber wir sind ihm ferne; Gott is drinnen, aber wir sind draussen; Gott ist zu Hause, wir sind in der Fremde. Der Prophet spricht: ,,Gott fuhrt die Gerechten durch einen engen Weg in die breite Strasse, dass sie in die Weite und in die Breite kommen, das heisst: in wahre Freiheit des Geistes, der ein Geist mit Gott geworden ist." Dass wir ihm alle folgen, dass er uns in sich bringe, das walte Gott. Amen.